Gäbe es im Web tatsächlich Typographie, würden wir manche Webseiten gerne und ausgiebig betrachten, lesen und erforschen. Leider gibt es da noch keine Typographie. Darum klicken wir uns möglichst schnell durch, um schmerzfrei und mit halbwegs unbeschädigten Geschmacksnerven zwischen animierenden Sprüchen und sinnfreien Bildern die Information zu erahnen, an der wir interessiert sind.

Hätte Ihnen Umberto Eco »Das Foucaultsche Pendel« als 10 Punkt Helvetica kompress in linksbündigem Flattersatz auf einer leuchtenden Scheibe serviert, wie weit, glauben Sie, hätten Sie darin gelesen? Mit einigem guten Willen vielleicht 100 Seiten. Hofstadters »Gödel, Escher, Bach« ist weniger umfangreich, aber bei dem wären Sie wohl nicht so weit gekommen, der Stoff ist schon von sich aus hart genug. Bei mieser Typographie würden die meisten Leute schon vor dem hinterhältigen Mu-Rätsel die Lust verlieren und das Buch wäre ein Flop geworden.

Haben Sie schon einmal überlegt, warum Text in Büchern anders aussieht als Text in Webseiten? Warum Sie Bücher stundenlang lesen können und Webseiten nicht? Dafür sind neben dem Inhalt auch Typographie und Schriftqualität verantwortlich.

 

Antiqua versus Grotesk

Bücher, die man beschwerdefrei lesen kann, sind in Antiqua gesetzt. Das ist die Schrift mit den Serifen, den kleinen Füßchen unten und oben. Diese Schrift, die der Computer nicht richtig darstellen kann. Die Serifen machen Buchstaben deutlicher, bei denen Missinterpretationen möglich sind und leiten die Augen entlang der Zeilen, unterstützen ermüdungsarmes Lesen. Unsere Bildschirme hätten zwar eine ausreichende Auflösung für solche Schriften, allerdings legen die Software-Ingenieure keinen Wert auf die Schriftdarstellung. Darum müssen auch wir hier in unserer eigenen Website wider besseres Wissen eine Grotesk-Schrift verwenden, die sich wegen fehlender Serifen nur für Überschriften oder kleine Textmengen empfiehlt, nicht aber für Lesestoff. Das ist grotesk.

 

Blocksatz, Flattersatz, die Breite und der Zeilenabstand

Haben Sie schon einmal überlegt, warum die meisten textreichen Bücher ähnlich groß sind und warum alle ernstzunehmenden Bücher in Blocksatz gesetzt werden, mit geraden Rändern links und rechts? Die optimale Breite ergibt sich aus den semantischen Augensprüngen. Wir lesen nicht alle Buchstaben oder Wörter einzeln. Unsere Augen springen in Schritten von durchschnittlich 2,5 cm durch eine Zeile. Am Ende der Zeile ankommen, gleiten sie in einem Zug zurück auf den Beginn der nächsten Zeile. So funktioniert flüssiges Lesen. Ist die Zeile zu kurz, werden die Augen hektisch. Ist sie zu lang, finden sie nicht selbstverständlich den nächsten Zeilenanfang. Sind die Zeilen wie beim Flattersatz unterschiedlich lang, müssen Augen und Gehirn den Beginn der nächsten Zeile suchen, da kein Gewöhnungseffekt eintritt. Bei zu geringem Zeilenabstand ist das Chaos dann perfekt und wir haben das Ergebnis, das wir alle kennen: Das Lesen von Webseiten ist anstrengend.

Flattersatz ist gut für Gedichte, für Experimentelles und Dekoratives. Sobald etwas zur »Lektüre« wird, hat Flattersatz ausgespielt. Wenn Sie eine Zeitung in Flattersatz machen, was schon versucht wurde, brauchen Sie zwischen den Spalten senkrechte Striche, sonst liest das Blatt kein Mensch. Er muss ja nicht, kann eine andere Zeitung lesen. Denken Sie an Ihre Website: Der gewisse Mensch muss die gewisse Website nicht lesen. Er kann auch eine andere lesen, die ihm die Informationsgewinnung leichter macht. Darum brauchen Sie Typographie.

Es macht aber keinen Sinn, alles am bösen Flattersatz und an der Groteskschrift aufzuhängen. Typographische Feinheiten werden Sie in Ihrer Website nicht konsequent umsetzen können, weil das die derzeitige Technologie nicht erlaubt. Nicht einmal Blocksatz können diese strohdummen Browser vernünftig bewerkstelligen. Wir haben uns in dieser Website sehr bemüht und ein optimales Verhältnis zwischen den wichtigsten beeinflussbaren Parametern gewählt. Wir schreiben auch dafür, indem wir auf viele lange Wörter verzichten. Trotzdem ist die Seite, in der Sie sich eben befinden, aus der Sicht des professionellen Typographen ein Disaster. Es gibt keine funktionierende automatische Silbentrennung, Browser und Betriebssysteme stellen die Schrift unterschiedlich dar, es gibt keine in Toleranzbereichen einstellbaren Wort- und Zeichenabstände. Das Resultat sind abwechselnd akzeptable und zu große Wortzwischenräume. Man muss mit dem kleinsten Übel leben. Lesbar ist der Text recht gut, aber von Zufriedenheit ist noch keine Rede.

 

Was Webseiten falsch machen

Die durchschnittliche Webseite hat Groteskschrift, Flattersatz linksbündig, der Text ist entweder zu schmal oder zu breit, der Zeilenabstand zu gering, die Schrift zu klein oder zu groß und wird vom System geglättet, damit man die Pixel nicht sieht. Graue Schrift wird gerne eingesetzt, um den Kontrast zum leuchtenden Bildschirm zu verringern, der uns ermüdet. Jetzt ist aber alles noch greller, deshalb wird der Hintergrund mancher Seiten grau eingefärbt. Dunkelgraue Schrift, systembedingt ohne Serifen, auf hellgrauem Untergrund, alles leuchtet. Die Typographie im Web ist unmenschlich, sie ist eine Zumutung.

Die technischen Probleme können wir als Gestalter nicht lösen. Aber solange sich die Hard- und Software-Entwickler nicht auf die Wichtigkeit der Schrift besinnen, müssen wir wenigstens die Probleme vermeiden, auf die wir Einfluss haben. Das sind Ausrichtung, Schriftgröße, Satzbreite und Zeilenabstand. Nehmen wir Wikipedia als Beispiel: Die Website ist kein typographisches Kunstwerk und das ist auch gar nicht möglich. Aber seit dort der Zeilenabstand vergrößert wurde, kann man die überbreiten Texte sogar lesen.

 

Der flexible Webbrowser

Gehen Sie nicht davon aus, dass Ihre Besucher das Browserfenster so einstellen, dass die Informationen optimal erfassbar sind. Die tun das nicht. Beim Umgang mit Browserfenstern gibt es nur drei Arten von Web-Benutzern:

Manche Entwickler kommen auf die Idee, die Textzeilen so kurz zu machen, dass die Breite des Browserfensters keine Rolle spielt. Das ist keine gute Idee, denn dadurch zwingt man sich selbst zu kleinen Schriftgrößen und kurzen Texten. Andere möchten gerne das Browserfenster möglichst füllen, um die Webseiten groß erscheinen zu lassen. Tatsache ist jedoch, dass Texte mit überlangen Zeilen nicht gelesen werden, wenn der Leser kein außerordentliches Interesse am Inhalt hat.

 

Kann gute Typographie die Lesebereitschaft verstärken?

Gute Typographie kann die Bereitschaft, Information aufzunehmen, nicht nur verstärken; sie kann uninteressierte Besucher sogar dazu anregen, die Information wenigstens zu probieren, sie sozusagen zu kosten. Schmecken sie, wird weiter gelesen.

Die Schrift in den Browsern ist so schlecht, weil sie zu Zeiten der Erfindung des Webs kein Thema war. Das Web war ein militärisches und akademisches Projekt, man interessierte sich ausschließlich für Inhalte, deren problemlose Erzeugung und Darstellung auf allen Bildschirmen. Heute tendiert das Web zum Medium mit ästhetischem Anspruch, ohne dass die nötigen Werkzeuge dafür vorhanden sind.

Fazit: Man spielt mit Grafiken, Bildern und Farben, und der Text ist einem Wurst, mit dem kann man ohnehin nichts machen. Das ist nicht gut, denn wie wollen Sie jemandem etwas sagen, wenn Sie mit ihm nicht richtig reden können? Nicht jede Website bietet Spielkonsolen oder alberne Videos an. Vom sparsamen und manchmal medientechnisch ungelenken Kleinbetrieb bis zum multinationalen Konzern mit Kulturbewusstsein und großangelegtem Webauftritt ist die Sprache das tragende Medium. Da kommt man mit glatten Werbesprüchen nicht aus, die Web-Besucher verlangen Informationen und Fakten.

Wir sind uns bewusst, dass diese Gedanken nicht von heute sind. Es sind die Gedanken, die gestern begonnen haben und morgen allgegenwärtig sein werden. Für Ihre Website sind es die Gedanken von morgen. Wenn wir die gleichartigen Webseiten bald nicht mehr mögen, die uns mit Icons, Slogans und thematisch unbesetzten bunten Klickbildern zuschütten, werden wir beginnen, Unwesentliches auszublenden. Schon heute werden ganze Websites geistig ausgeblendet, weil sie keine erkennbare Information enthalten.

Seien Sie vorne mit dabei, machen Sie es Ihren Besuchern leicht, die wesentlichen Informationen schnell und selbstverständlich zu erfassen. Typographie ist ein Mittel dazu. Auch wenn es einstweilen im Web nur um rudimentäre Typographie geht. Wer schnell erfassbar ist, wird öfter und ausführlicher gelesen.

Die Web-Industrie verweigert noch die typographischen Werkzeuge und der Designer kann nur akzeptieren und das kleinste Übel suchen. Was ein österreichischer Web-Pionier schon vor 15 Jahren sarkastisch bemerkte, gilt noch immer: »Wir machen Webseiten nicht mit HTML, sondern trotz HTML.«

Manche mögen jetzt einwenden »Aber bitteschön, wer spricht heute noch über HTML? Nach DHTML, XHTML, XML und CSS ist HTML5 im Kommen und eine neue Dimension, wir haben Ajax und sind am Übergang von Web 2.0 zum nächsten großen Schritt!«

Mitnichten. Solange das Web-System so ist wie es ist und unsere Web-Browser nichts anderes als aufgemotzte HTML Displays sind, solange wir kein echte Client-Software bekommen, die mit entsprechender Server-Technologie zusammenarbeitet, so lange werden wir zusehen, wie Browser mit Servern Ping-Pong spielen und wie die Websites dieser Welt von Informationsquellen zu Kreuzworträtseln für Minderbemittelte mutieren.

Außer — wir tun etwas dagegen. Das können wir, unter anderem mit guter Typographie. Das heisst einstweilen noch nicht Schönheit und gefällige Gestaltung. Die heutige Typographie im Web braucht keinen Schöngeist, sie kann und darf durchaus brutal sein. Sie ist ein Mittel zum Zweck. Sie wird von demjenigen zweckmäßig eingesetzt, der ihre Geheimnisse kennt und weiss was er tut. Ein gutes typographisches Konzept setzt sich gegen blumige Farbenschleier allemal durch, denn Typographie ist mediengerecht und das Web ist ein Informationsmedium.